Guten Morgen, erstmal zwei Tassenmuffins zum Frühstück und der Tag sollte eigentlich geritzt sein. Die Sonne scheint auch und ich hab noch 2 Stündchen Zeit, um zu meinem Blockseminar bei einem zauberhaften türkischen Dozenten zu pilgern.

Heute wäre also ein guter Tag in ein anderes Thema überzuleiten und zu erfragen, wieso man im Gender-Bereich so viel Verständnis für Religionsfreiheit aufbringt, bzw. zumindest in meinem spziellen Kurs. Da wurde einst gesagt, dass es uns in der westlichen Welt nicht zustehe zu beurteilen, ob und warum eine muslimische Frau ein Kopftuch trage. Dass es schließlich zur Religionsfreiheit dazu gehöre. Es soll ja Frauen geben, die das angeblich völlig freiheitlich tragen. Problematisch wird es dann, wenn man sich überlegt, dass doch die gesamten religiösen Werte, und dabei ist es fast egal, von welcher großen Religion wir hier sprechen, immer wieder neu in der Gesellschaft, in diesem Fall meine ich die deutsche, reproduzieren (eines der wenigen Wörter, das ich ganz verliebt in mein Vokabular aufgenommen habe – reproduzieren ftw!) und damit die Rechte der Konservativen stärken und diejenigen, die nicht diesem Konzept entsprechen, diskriminiert werden und Rechte einbüßen müssen. Oft hängt das mit der Auslegung diverser religiöser Schriften zusammen, die jeder offenbar anders versteht. Mal muss man etwas ganz wörtlich verstehen (z.B. die Nächstenliebe – Da frage ich mich nur immer, wie der Papst wohl die Nächstenliebe versteht, wenn er Menschen in Afrika, bei denen AIDS an jeder Ecke lauert, die Verhütung mit Kondom verbietet. Vermutlich wird er sich denken, dass die selbst schuld sind! Was haben die auch Sex, obwohl sie gar keine Babys machen wollen! Und dann womöglich noch vor der Ehe und mit verschiedenen Partnern! Dann haben sie auch nichts anderes verdient als AIDS (Sarkasmus!)) und andere Teile darf man keinesfalls wörtlich auslegen, weil man dann doch auf einmal feststellt, dass es sich hierbei um sehr alte Ratschläge, Regeln und Denkmuster handelt, die man besser nicht direkt in die Tat umsetzt.

Der Kopftuchzwang ist bekanntlich nirgends im Koran zu finden und dennoch ‚denken‘ viele Frauen, dass es sinnvoll wäre eins zu tragen. Was da genau hintersteht, ist sicherlich oft ein persönliches Einzelschicksal, aber da ich zur Zeit sehr viel Literatur in Richtung sexuelle Aufklärung und Reformen vor allem im Islam lese, scheint es grundsätzlich um das Vorschieben falscher Gründe zu gehen, weswegen es wirklich getragen wird. Sehr zu empfehlen ist hier u.a. die tolle Frauenrechtlerin und Rechtsanwältin Seyran Ateş, die sich seit vielen Jahren hauptsächlich für (muslimische) Frauen einsetzt, die aus schwierigen Situationen kommen, oftmals hervorgebracht durch die Religiösität ihrer Mitmenschen, Zwangsehen, das generelle Einschränken jeglicher Rechte, sexuelle Frustration oft als Konsequenz dieser gesamten verkorksten Welt. Ich stimme ihr vollkommen zu, dass die Frau erst durch die Verhüllung zu einem sexualisierten Objekt degradiert wird. Basierend auf einem Zitat von Hadayatullah Hübsch, der der Meinung ist, eine verhüllte Frau impliziere durch ihr Auftreten, dass sie keinerlei Interesse an Flirts o.ä. mit Männern hat, leitet Frau Ateş, meiner Meinung nach, folgerichtig ab, dass somit jede unverhüllte Frau quasi permanent auf der Suche nach sexuellen Abenteuern sein müsste (1). Sollen wir aus der ‚westlichen Welt‘ es also zulassen, dass Frauen bzw. Menschen, nur, weil sie vorgeblich einer anderen ‚Kultur‘ entstammen, sich ihrem Schicksal zu ergeben haben? Schließlich sei es ja Tradition bei ihnen und man dürfe da nicht eingreifen? Sowas ähnliches meinte vor einiger Zeit erst der Genosse Helmut Schmidt, der irgendwann mal gute Dinge von sich gegeben hat, und nun der Meinung ist, dass die universellen Menschenrechte lediglich ein Produkt der westlichen Welt und ihrem Aufklärungswahnsinn sei, das man nicht anderen Kulturen etc. überstülpen dürfe (z.B. zu finden auf: http://www.freitag.de/autoren/ernstchen/helmut-schmidt-und-der-werteexport).

Eine Antwort auf so eine Äußerung finde ich bei Frau Ateş: ‚In der Begegnung mit anderen Kulturen wird der westliche Freiheitsbegriff relativiert, da gelten auf einmal andere Maßstäbe. Da ist die Selbstbestimmung nicht mehr oberste Maxime, da wird die Universalität der Menschenrechte in Frage gestellt. Der freie Mensch im Westen nimmt sich die Freiheit, nicht über andere Kulturen urteilen zu wollen. Manch einer glaubt sogar, verschleierte Frauen seien vielleicht glücklicher als Frauen im Westen. Schließlich müssten sie sich nicht mit all den Anforderungen eines modernen Lebens rumplagen. […] In meinen Augen ist eine solche Argumentation zynisch, abgesehen davon, dass es nicht mit unserem Grundgesetz zu vereinbaren ist, wenn muslimische Frauen und Mädchen aus religiösen Gründen dazu verpflichtet werden oder sich selbst dazu verpflichten, das Kopftuch zu tragen. Hinter den religiösen Gründen steht nämlich nicht nur der Umstand, dass die Frauen sich mit Kopftuch vor sexuellen Übergriffen schützen müssen, sondern auch, dass die Geschlechter im Islam über unterschiedliche Rechte und Pflichten verfügen, was dem Gleicheitsgrundsatz und dem Prinzip der Menschenwürde widerspricht.‘ (2) Meiner Meinung nach ist hiermit alles gesagt. Vielleicht sollte sich Herr Schmidt tatsächlich mal mit den Problemen auf der Welt befassen und ein wenig Empathie walten lassen. Amnesty International übertreibt ja eh.

Ich weiß, wir hatten in Deutschland auch lange eine ähnliche Situation, auch, wenn es sich bei den Frauen hierzulande nicht durch ein Kopftuch geäußert hat. Zum Glück sind wir dank vieler tapferer Widerständler und Menschen, die keine Angst hatten für ihre Rechte einzutreten, heute mehrere Schritte weiter. Ich bin auch absolut der Meinung, dass wir noch lange nicht am Ende angekommen sind, weil schließlich immer noch viel zu viele Menschen unter ihrer Situation leiden, weil sie ihre Rechte hinter der Mehrheitsgesellschaft anstellen müssen. Sie gelten quasi als Menschen zweiter Klasse. Das ist extrem problematisch, allerdings muss man auch im Hinterkopf behalten, dass in vielen Teilen dieser Welt nicht mal die Möglichkeit besteht solche Diskussionen über Geschlechteridentität und ähnliches zu führen. Alles, was außerhalb von Mann und Frau steht, existiert dort quasi WIRKLICH nicht, also wird nicht-existent gemacht, und wird auch nicht mit einbezogen in bestimmte Diskurse. Sozusagen könnte man böse behaupten (ich weiß, ich habe das große Glück nicht betroffen zu sein, deswegen kann ich das so lapidar sagen), dass die Gender-Diskussionen beinahe schon ein Luxus-Problem sind.

Dass dies dann nicht allgemein ernst genommen wird, liegt, wie ich bereits schon vor einigen Tagen schrieb, aber wohl auch daran, inwieweit Verfechter der Gender Studies diese bzw. ihre (oftmals handelt es sich bei Gender Studies-Menschen hauptsächlich um direkt Betroffene) Rechte durchsetzen möchten. Nämlich, indem sie größtenteils leider sehr unwissenschaftlich und willkürlich argumentieren und quasi fast eine Verschwörung heraufbeschwören (haha, ich bin ein sprachliches Genie!), die sich vor allem aus der naturwissenschaftlichen Fraktion speist. Spannend wird es dann, wenn man überlegt, dass die norwegische Regierung aufgrund einer Dokumentationsreihe des norwegischen Comedian Harald Eia in Bezug auf diese Themen, dem Gender Institut das Geld komplett entzogen hat. Natürlich werden diejenigen dann so argumentieren, dass die Regierung ja nur indoktriniert ist, sie konnte nicht anders handeln. Sie denken ja, dass Naturwissenschaften die einzige Wahrheit sind, sodass dieses Gelderstreichen völlig korrekt und im Sinne des SYSTEMS war. Die Naziwissenschaftler sind ihrem Ziel, die Welt zu unterjochen, indem sie nur die Naturwissenschaften als einzige Wahrheit akzeptieren, wieder mal ein Schritt näher gekommen.

Ich weiß, ich weiß. Das war ein unfassbar langer Eintrag. Ich könnte auch noch viel, viel mehr dazu schreiben und werde das wohl die nächsten Tage tun. Er war nicht so lustig, weil es sich leider um ein sehr ernstes Thema handelt. Aber es ist mir eine Herzensangelegenheit. Verzeiht mir also bitte.

Erstmal also Schluss. Bleibt menschlich!

Meine hier verwendeten Zitate habe ich aus folgender Quelle:

(1): Ateş, Seyran: Der Islam braucht eine sexuelle Revolution. Berlin 2009, S.119f

(2): Ateş, Seyran: S. 123

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