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Da bin ich mal wieder. Es hat ne Weile gedauert, weil ich Besuch hatte, der mir sehr am Herzen lag (ich führe eine Fernbeziehung über 500km) und ich auch ehrlich gesagt nicht so wirklich Lust hatte irgendwas zu schreiben. Ich fühle mich in diesen Genderdiskussionen nicht sehr wohl, weil ich schlichtweg viel zu wenig Ahnung davon habe. Letztes Jahr sah meine Welt noch ganz anders aus.

Ich machte meinen Bachelor in Kunstgeschichte und Skandinavistik und hatte generell das große Bedürfnis mich für die Menschenrechte stark zu machen. Nach allem, was ich in den letzten Wochen so erlebt habe, müsste es hier jetzt heißen ‚für Menschenrechte‘. Da es ja DIE Menschenrechte offenbar nicht zu geben scheint. Der Impuls, wieso ich mich für andere Menschen und die Durchsetzung ihrer Rechte einsetzen wollte, kam von tief aus mir drin. Wie ihr nun also wisst, bin ich in einer völlig anderen Ecke zu Hause und habe ich mich somit kaum mit irgendwelchen sozial- und/oder politikwissenschaftlichen oder auch philosophischen Texten, Autoren und Theorien beschäftigt (höchstens privat) und war der Meinung, dass es mit gesundem  Menschenverstand – in mehrfacher Hinsicht! – schon funktionieren würde. Meine Bachelorarbeit schrieb ich über den chinesischen Menschenrechtler und Künstler Ai Weiwei vor dem Hintergrund des erweiterten Kunstbegriffs. Damit habe ich einen Versuch gewagt für mich Kunst/Kultur und Menschenrechte zu vereinen, obwohl mein Studiengang keinerlei Ambitionen in diese Richtung hegte. Depeche Mode hat mir erklärt, dass Menschen Menschen sind und somit bin ich seit 3 Jahren Mitglied bei Amnesty International. Momentan eher wieder passiv, weil die Uni es mir zeitlich nicht gestattet hat bei den Treffen dabei zu sein (da lag die wunderbare Vorlesung ‚Gender matters‘). All das, was die letzten Wochen passiert ist, hat mein Welt- und Menschenbild gehörig auf den Kopf gestellt. Ich war so naiv. So jungfräulich und altruistisch. Eigentlich bin ich jedes Mal erschüttert, wenn ich auf Menschen treffe (auch im übertragenen Sinne), deren Ansichten radikal und absolut menschenverachtend sind – also fast immer, wenn ich Nachrichten schaue. Man stumpft schon irgendwie ab, aber gleichzeitig regt sich etwas in mir, das sich enorm davor scheut zu akzeptieren, was auf dieser Welt tatsächlich passiert. Ich führte neulich noch ein kurzes Gespräch mit einer Freundin, die sich selbst als queer bezeichnet und den Gender Studies durchaus etwas abgewinnen kann. Sie hatte offenbar mehr Glück als ich und hat dieses ‚Fach’gebiet eher von der philosophisch-sozialwissenschaftlichen Seite kennen gelernt, in der solche Spinner, wie in meinem Kurs, keine Chance hatten. Auch sei dort die Wissenschaftlichkeit an sich nicht angezweifelt worden – so eine Aussage wäre niemals jemandem eingefallen. Ich kann das natürlich nicht überprüfen und es mag sein, dass ich einfach nur Pech gehabt habe. Aber, was ich für mich mitgenommen habe, ist, dass das nicht mein Schwerpunkt ist. Alles, was diese Thematik betrifft, kann ich nur von meinen eigenen Standpunkten aus bewerten und mit meinem gefährlichen Halbwissen in Verbindung bringen. Ich möchte nicht komplett zurück rudern, aber es soll deutlich sein, dass ich nicht allen Menschen, die sich in einem gewissen Umfang mit diesen Themen beschäftigen, unterstellen will, dass sie es auf diese Weise und mit diesen Ansichten tun, wie es in meinem Kurs stattgefunden hat. Hierbei ist mir übrigens auch noch die Frage eingefallen, welchen Sinn diese Übungen im Gender Training, bei denen man sich darauf fokussieren soll, wann einem das eigene Geschlecht bewusst (geworden) ist, haben. Was soll das? Ist das nicht vollkommen kontraproduktiv, weil wir doch gerade diese Kategorien abschaffen w(s)ollen und Geschlecht die Macht genommen werden soll? Das ist ein Punkt, den ich wirklich nicht verstehe. Darauf rumzureiten, wie man sein Geschlecht wahrnimmt. Klar, es ist interessant zu wissen, wie einem selbst das Geschlecht ins Gedächtnis gebracht wird – natürlich von anderen Menschen! – in bestimmten Situationen, aber das ständig wieder zu manifestieren, kann doch nicht positiv sein. Es verstärkt vermutlich sogar die Wut und den Hass auf die Gesellschaft, die einen dazu nötigt sich zu einem Geschlecht zu bekennen, obwohl man es gar nicht will. Meinem Gefühl nach ist das keine besonders erfolgreiche Basis für Veränderungen…aber gut. Ich will das Thema erstmal abhaken, weil ich hier schon mit Kommentaren zu tun hatte, mit denen ich nicht fundiert umgehen kann, einfach, weil mir das Hintergrundwissen fehlt. Und, ehrlich gesagt, bin ich gar nicht so scharf drauf mir dieses Wissen anzueignen. Es schafft mehrere Lager und kaum Konsenz. Rivalitäten und persönliche Angriffsflächen. Weil jeder irgendwie betroffen ist, hat jeder irgendwie eine Meinung dazu. Da auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen…hmm…naja..

Und Männern bzw. Menschen, die sich global gesehen, grundsätzlich eher in privilegierten Positionen befinden (Privilegien lassen sich, meiner Meinung nach, oft durchaus von mehreren Seiten betrachten…), ganz allgemein abzusprechen, dass sie sich niemals in Diskriminierungssituationen befinden können, spricht leider absolut gegen mein Rechtsempfinden alle Menschen als Menschen zu behandeln. Egal, wie viele Penisse, Brüste, Ohren, Zähne etc. er/sie/es an sich findet und wie viel ‚Glück‘ einige Leute haben mit der ‚richtigen‘ Anzahl an Penissen, Brüsten, Ohren, Zähnen etc geboren zu sein, weil sie dadurch eventuell weniger auffallen und weniger Diskriminierungspotenzial haben. Es gibt immer Situationen, in denen man betroffen ist und für niemanden ist so ein Erlebnis schön. Und beispielsweise einem kleinen Jungen die Erbsünde vorangegangener weißer Männer anzulasten, finde ich grausam. Mir ist durchaus bewusst, was in der Welt passiert ist im Laufe der Zeit, aber ich empfinde so eine ständige Einteilung von Menschen, die offenbar nur auf geschlechtlicher und nicht individueller Basis funktioniert, und dieses mit dem Finger-gezeige als falsch. Es ist mir wurst, wenn ich deswegen als konservativ oder sonstwie bescheuert ideell beschimpft werde. Es gibt Unterschiede. Menschen sind unterschiedlich. Alle. Diese Unterschiede zu nutzen, um Menschen das Leben schwer zu machen, ist schlimm genug. Egal, von welcher Seite. Aber wir haben alle etwas gemeinsam: wir sind nicht die Spitze der Evolution und stammen alle von derselben Reihe an Vorfahren ab. Wir sind alle Angehörige der Tiergattung namens Mensch.

A propos: Gestern bin ich endlich mal wieder dazu gekommen, Dawkins weiter zu lesen. Und ich musste zwischendurch beinahe laut los lachen, weil es einfach zu absurd ist. Da ich im Zug saß, konnte ich die eine Aussage nur auf einem alten Kassenzettel rauschreiben, weil sie mir so sehr aus dem Herzen sprach. Sie bezieht sich auf die künstlich aufgeschäumte Hysterie, wie sie vor einigen Jahren in der islamischen Welt hochkochte, weil die westliche Welt sich in Form von Karikaturen über ihren Propheten ‚lustig machte‘. Dawkins übernimmt hier eine Formulierung des Journalisten Andrew Mueller, der während dieser Zeit eine Diskussion mit einem so genannten ‚gemäßigten‘ Muslim, Sir Iqbal Sacranie, in Großbritannien führte. Dieser erklärte Mueller, wie besonders die Liebe zum Propheten sich im Islam ausdrückt, nämlich, dass sie mehr bedeute als die Liebe zur eigenen Familie und Freunden. Mueller antwortete darauf Dawkins zufolge sinngemäß (ich kann nicht genau erkennen, ob es sich hierbei um ein Zitat Muellers handelt): ‚Wenn jemand einen Prediger aus dem 7. Jahrhundert mehr lieben will als seine eigene Familie, dann ist das seine Sache, aber kein anderer ist verpflichtet das ernst zu nehmen.‘ (1) Dieser Satz trifft es in meinen Augen genau auf den Punkt. Was ist bei Menschen los, die wirklich so eine Präferenz leben? Wie absurd ist es danach zu handeln und im schlimmsten Fall eine längst verstorbene Person, die man nicht mal persönlich kannte, tatsächlich über seine eigenen Eltern, Geschwister, Freunde etc. zu stellen?! Sogar in seinem Namen zu töten? Ich bin mit Dawkins einer Meinung, dass ich es ungeheuerlich finde, wie sehr wir immer noch versuchen es religiösen Menschen recht zu machen. Ständig muss man als nicht-religiöser Mensch Angst haben jemandem auf die Füße zu treten (da fällt mir grad dauernd ein Sex and the City-Zitat ein ‚Careful! Don’t make Charlotte cry!‘), nur, weil man eine andere Meinung hat. Sogar mir wurde von klein auf das Gefühl vermittelt, dass es sich nicht gehört über Religiöse zu spotten bzw. ihnen keinen Respekt entgegen zu bringen. Obwohl es mir schon lange so geht, wie Dawkins es beschreibt: ‚[…], aber warum rollt die Gesellschaft ihnen den roten Teppich aus, als hätten sie eine ähnliche Fachkenntnis wie beispielsweise ein Moralphilosoph, ein Familienanwalt oder ein Arzt?‘ (2) (haha, der Übersetzer von Dawkins ist offenbar kein Fan der Gender-Gap/Sternchen…oder er ist der Auffassung, dass es Frauen, Inter-/Transsexuelle etc. in solchen Berufen nicht gibt 😉 wovon man wohl ausgehen muss, sonst hätte er es ja markiert! Kackiger konservativer Maskulist! – und ich bin paranoid.)

Wir (die Gesellschaft) räumen ihnen Sonderrechte ein, sowohl rechtliche als auch gesellschaftliche. Bis vor einer Weile stand in englischen und schottischen Gesetzen, dass religiöse, monotheistische (!), gemeinnützige Organisationen gar nicht hinterfragt und überprüft werden bezüglich ihrer Hintergründe und Zwecke – und dadurch steuerfrei agieren dürfen. Während säkulare Organisationen genaustens geprüft werden. (3) Andere Gesetze bastelt man wiederum einfach um religiöse Gemeinschaften drum rum, weil diese Gesetze nicht vereinbar seien mit deren Glaubenswerten bzw. in die Durchführung ihres Glaubens eingreifen z.B. bei der Einnahme von verbotenen (! für den restlichen Staat! ) halluzinogenen Stoffen, die die Gläubigen in eine andere Bewusstseinsebene bringen sollen, um Gott besser begreifen zu können. Also, sie GLAUBEN, dass sie Gott dadurch besser begreifen können. Diese Aussage reicht aus. Sie brauchen hierfür keinerlei Beweise, um ein Gesetz umgehen zu dürfen, das für jeden anderen Menschen dort gilt. (4) (wofür braucht man noch mal Wissenschaftlichkeit?!)

Dawkins erzählt auch von einem Televangelisten in den USA (wo sonst?), der über seine Fernsehsendung dazu aufrief ihm acht Millionen Dollar zu spenden, weil (sein) Gott ihn sonst töten würde. Tatsächlich kamen diese acht Millionen zusammen…(5) Ganz ehrlich..man weiß doch nicht, ob man hier lachen oder weinen soll, oder? Einerseits, weil diese Menschen so schlau sind diese religiösen Mechanismen für sich zu nutzen und gleichzeitig, weil andere Menschen dies nicht erkennen und vorbehaltslos ihr Geld für jemanden ausgeben, der es vermutlich bereits eh im Übermaß hat..Und Leute, ich habe das Buch gerade erst angefangen. Ich könnte euch beinahe jede Seite zitieren, weil sie mich sprachlos macht. Die nächsten Tage werde ich meine Lektüre fortführen und sicherlich weiterhin die ein oder andere Geschichte mit euch teilen. Damit der ein oder andere mit mir gemeinsam den Kopf schütteln kann.

Ich werde mir nun Depeche Mode anschmeißen und Dawkins konsultieren. Diesen weißen, männlichen, wissenschaftlichen Bastard! Er wird einen eigenen Platz in meinem Nachtgebet haben!

so why should it be
you and I should get along so awfully?

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  1. (1) Dawkins, Richard: Der Gotteswahn. Berlin 2008, S.42f
  2. (2) S. 36
  3. (3) S. 47
  4. (4) S. 37
  5. (5) S. 48
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