Because I would really, really love to stick around…

…wie ich leider gemerkt habe, scheine ich euch nur mit meinen Texten begeistern können, wenn es um Gender Studies geht. Das liegt vermutlich daran, dass ich von Anfang an hauptsächlich darüber geschrieben und so ein Publikum angezogen habe, das sich vor allem für diese Thematik zu interessieren scheint. Bevor meine Besucherzahl gegen 0 geht, weil ich euch mit Religionskritik nicht überzeugen kann häufiger vorbeizuschauen, werde ich also versuchen doch noch weiter über Gender zu schreiben. Das Einzige, was mich daran stört, ist, dass ich mich angreifbar mache und nicht ordentlich kontern kann, wenn es drauf an kommt, wie ich es gerne würde. Ich stöbere viel im Netz und versuche mich mit bestimmten Theorien und Philosophierichtungen vertraut zu machen, merke aber fast jedes Mal, dass mir, um das alles zu verstehen, NOCH mehr Basiswissen fehlt…Das lässt mich ein wenig verzweifeln, weil ich diesen Blog gerne motiviert fortführen möchte, einfach, weil ich mich gerne kritisch mit bestimmten Fragen auseinander setze und mindestens genauso gerne schreibe. Allerdings ist es auch nicht schön, wenn ich versuchen muss auf Krampf Leser an mich zu binden, die sich letztendlich in einem anderen Feld als ich wohl fühlen bzw. die viel mehr Ahnung davon haben und mir so immer wieder indirekt mitteilen, dass ich nur eine amateurhaftes Wissen besitze. Klar, in erster Linie schreibe ich hier eigentlich für mich. Aber natürlich ist das alles nicht so schön, wenn niemanden interessiert, was ich zu sagen habe bzw. was ich so sage.

Durch Zufall bin ich heute wieder bei Herrn Martenstein von der Zeit gelandet, der mich als studierte Sprachwissenschaftlerin – was ich ja auch irgendwo durchaus bin, so absurd es sich für mich anhört – mit einem Artikel reizte, der das Thema Gender zwar nur am Rande streifte, aber dennoch durch seine Verzweiflung an mein Rechtsempfinden appellierte. Er schrieb darüber, dass er mittlerweile keine Ahnung mehr hat, wie er sich politisch korrekt ausdrücken soll. Dieses Problem kenne ich gut, vor allem in einem Studiengang mit Menschen, die es sich irgendwie zur Aufgabe gemacht haben immer auf dem neuesten Stand zu sein, was politisch unkorrekte Begriffe angeht. Gut verstehen kann ich die Kritik an dem Wort ‚Behinderter‘, da es letztendlich tatsächlich die Umgebung ist, die einen Menschen, der körperlich versehrt ist, zu einem Behinderten degradiert. Einfach dadurch, dass es immer noch sehr wenige Möglichkeiten für sie gibt sich barrierefrei fortzubewegen. Würden sie wie ein körperlich unversehrter Mensch beispielsweise in eine Straßenbahn einsteigen können ohne fremde Hilfe zu beanspruchen, weil jeder Bahnsteig entsprechend eingerichtet ist, würde das für sie sehr viel mehr Lebensqualität bedeuten und gleichzeitig den Aspekt mit sich bringen, dass ihnen selbst nicht ständig bewusst gemacht wird, dass sie ‚anders‘ sind. Ich hatte ein Erlebnis im Frühjahr, als ich mal wieder in meiner Heimatstadt unterwegs war und einer Frau im Rollstuhl helfen wollte hinaus zu kommen, weil ich bereits wusste, dass die kommende Haltestelle kein Hochbahnsteig zum bequemen Herausrollen war. Ich sprach die Dame also an. Sie bedankte sich, meinte aber, dass sie sich nur schon bereit machte, weil sie an der übernächsten Haltestelle rauswolle, die einen Hochbahnsteig hat. Dann erzählte sie mir, dass sie bereits seit über einer Stunde unterwegs sei und mit der Bahn fast von einer Endhaltestelle zur anderen gefahren ist, weil sie an ihrer Wunschhaltestelle nicht herauskam (viele standen ihr leider nicht zur Auswahl…). Der Grund dafür, dass sie so lange durch die Gegend fahren musste, war aber vielmehr, dass sie von ihren Mitfahrern nicht hinausgelassen wurde. Sie wurde zurück gedrängt und ihr Rollstuhl wurde sogar von einem Herauseilenden beschädigt. Ich war ziemlich erschüttert, als mir wieder mal bewusst wurde, dass Menschen wirklich sowas erleben müssen – täglich. Unter dem Artikel von Harald Martenstein las ich wie immer auch die Kommentare, bei denen ein Leser schrieb, dass es nicht ‚behindert‘, sondern vielmehr ‚herausgefordert‘ heißen sollte. Immerhin ist so ein Leben mit den ständigen Behinderungen durchaus eine Herausforderung. Und jeder von uns kann in so eine Lage geraten – ob verschuldet oder unverschuldet. Ich habe eine Weile in einem anthroposophischen Dorf in Norwegen gelebt und gearbeitet, gemeinsam mit körperlich, aber auch teilweise geistig behinderten Menschen.

Ich hatte vorher keinerlei Erfahrung mit Anthroposophie und muss leider sagen, dass die Zeit dort nicht zu meinen schönsten, aber wohl prägendsten Erfahrungen gehört. Vor allem in Bezug darauf, dass die Probleme zu einem sehr großen Teil von den ‚gesunden‘ Menschen, den Anthroposophen, ausgingen. Hier will ich wieder nicht unbedingt alle über einen Kamm scheren, auch, wenn Rudolf Steiner ein Antisemit war, aber diejenigen Anthroposophen, die ich dort kennen gelernt habe, hatten zu 99% total einen an der Radelle. Sie waren auch letztendlich der Grund, weswegen ich mich dort nie richtig wohl gefühlt habe und mein Freiwilliges Soziales Jahr abgebrochen habe. Und damit habe ich auch meinen Wunsch Heilpädagogik zu studieren, aufgegeben.

Zurück zum guten Harald. Ich gestehe, ich bin ein großer Anhänger von South Park. Mich spricht nicht unbedingt der permanente Fäkalhumor, allerdings aber die großartigen Allegorien und Wortspiele, vor allem in Bezug auf Politik und Religion, an. Somit geht es mir oft so, dass ich Menschen treffe, denen ich nur mit purem Zynismus begegnen kann, einfach, weil sie selbst total verblendet sind von ihrer eigenen politischen Korrektheit. Genau wie Martenstein es beschreibt: Sobald das eine Wort out ist, kommt ein neues, das nach einiger Zeit wieder bedenklich ist. Für mich haben bestimmte Wörter, auch wenn ich die Brisanz dahinter verstehen kann, erst auf den zweiten Blick eine negative Konnotation. In den Kommentaren des Artikels fällt das Wort ‚Negerkuss‘. Natürlich kann ich absolut nachvollziehen, wie schrecklich das für einen Betroffenen sein muss, so ein Wort zu hören. Aber für mich ist das tatsächlich gar nicht so auffällig gewesen. Für mich war dieses Wort immer schon einfach nur der Name dieser Süßspeise. Ohnte Hintergedanken meinerseits. So wie ein Tisch Tisch heißt. Genauso habe ich mir noch nie vorher wirklich Gedanken gemacht, ob ich es schlimm finde, wenn wir Frauen in der deutschen Sprache im Plural so gut wie fast immer ‚unsichtbar‘ gemacht werden. Es hat mich noch nie gestört. Ich finde es schön, wenn sich jemand die Mühe macht und ‚Freundinnen und Freunde‘ sagt, aber ich würde es nicht wirklich anprangern, wenn sich jemand dagegen entscheidet. Abgesehen davon fällt mir grade mal auf, dass in der gesprochenen Sprache, auch, wenn man seit neuestem Professorinnen für alle sagt, die Inter- und Transsexuellen Menschen immer noch unsichtbar sind. Selbst, wenn man es in der Schriftsprache mit einem Sternchen versieht, spricht man es nicht mit. Gibt es da schon Lösungen? Bestimmt. Ein weiterer Punkt, wieso mich das generische Maskulinum nicht stört, ist, die Sprachökonomie. Es ist einfach zu anstrengend, jedes Mal alle aufzuzählen, damit sich niemand benachteiligt fühlt. Gestern habe ich bei meinem kurzen Videoeintrag in den Kommentaren bereits mit der Erzählmirnix rumgealbert, wie abstrus es ist eine Ampelfigur zu erschaffen, die wirklich jedem gerecht wird. Und ich glaube, das ist es auch, was viele auch an den Gender Studies stört. Man scheint einfach nicht zum Ende kommen zu können. Es ist völlig utopisch, so gern man es wollen würde. Sicherlich ist es nicht grundsätzlich die beste Idee dann zu sagen ‚Dann lassen wir es einfach gleich bleiben!‘, weil es in meinen Augen tatsächlich noch viel zu verbessern gibt. Vor allem in den Gesetzestexten der Bundesrepublik, in denen trans- und intersexuellen Menschen immer noch kaum Rechte zugesprochen werden bzw. in keiner Form sprachlich berücksichtigt werden. Dafür könnt ihr mich gerne zerreißen, aber ich denke schon, dass hier noch längst nicht das gesamte Potential ausgeschöpft ist diese Menschen genauso zu schützen wie jeden anderen. Auch, wenn ich den Ansatz nicht teile, dass biologisches Geschlecht (sex) nicht gibt bzw. es gesellschaftlich konstruiert wird. Es gibt ja dennoch Menschen, die sich zwar in ihrer ‚Uneindeutigkeit‘ wohl fühlen, es aber nicht öffentlich ausleben dürfen. Und wenn die Religion aufhören würde da immer reinzupfuschen und den Menschen das Gehirn zu vernebeln, sowie gemeinsame Sache mit der Politik zu machen, würde sich vermutlich relativ schnell was ändern und das Thema Geschlecht nicht mehr so eine große Rolle spielen wie es das aktuell noch tut. Übrigens finde ich es höchstproblematisch, dass, wenn man bei youtube nach Gender-Debatten sucht, man fast immer nur auf religiöse Verschwörungstheoretiker stößt…Ich hab mich sogar durch wirre Blogs durchgearbeitet. Das war wirklich erschreckend. Schade, dass es wirklich keine Beiträge von Evolutionsbiologen gibt, die sich mit dem Thema Gender Studies beschäftigen. Zumindest habe ich keine entdeckt.

Ich bleibe derweil Dawkins treu und hoffe, dass einige von euch mir auch treu bleiben, selbst, wenn ich über das schreibe, was MICH interessiert…

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