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Okay. Ich hab es geklärt. Es war alles nur in meinem Kopf. Es tut mir wirklich leid, dass ich hier so ein Drama veranstaltet habe, aber ich wusste echt nicht mehr weiter. Ich bin einfach schon so plemplem im Kopf durch das ständige Verlassenwerden in den letzten Jahren, dass ich mir irgendwie eingeredet habe, aufgrund einer entsprechenden Meinungsverschiedenheit – und bei Religion kann sowas durchaus sehr grundlegend und tiefgehend sein – meine beste Freundin zu verlieren. Dem wollte ich Einhalt gebieten und ich möchte richtig stellen, dass sie mir keineswegs die Freundschaft gekündigt hat und es auch nie vorhatte. Ich bin einfach nur ein feiges Hühnchen gewesen, weil ich zu große Angst vor ihrer Antwort hatte…Wie ich bereits in den Kommentaren gesagt habe, stehe ich absolut zu meiner Meinung – lasse mich zwar auch gerne eines Besseren belehren, kann aber ab und zu recht ungemütlich werden, wenn es um bestimmte Themen geht. Das liegt daran, dass meiner Meinung nach, bestimmte Themen nicht verhandelt werden können. So wie Michael Schmidt-Salomon es in einem kurzen Gespräch einmal in Bezug auf die Freiheit sagte. Ihr könnt mir vorwerfen, ich würde nur einigen Leuten nach dem Munde reden – das tue ich allerdings nicht. Schon lange, bevor ich all diese Menschen kannte, hatte ich entsprechende Meinungen und vertrat – ohne es zu wissen – humanistische Standpunkte, die JEDEM Menschen dieselben Rechte und Wertigkeiten einräumen. Für mich beginnen diese Rechte bereits als frisch geborener Säugling. Kinder haben auch Rechte! Und ich bin sehr froh, dass es noch mehr Menschen gibt, die sich explizit dafür aussprechen und sich der Einhaltung dieser Rechte verpflichtet haben. Wenn ich mit dem Studium fertig bin, gehöre ich vielleicht auch zu ihnen.

Ein erwachsener Mensch kann gerne für sich beschließen eine Bluttransfusion abzulehnen und zu sterben. Aber einem Kind sowas anzutun, halte ich für wirklich grausam. Ähnlich wie es Mutter Teresa tat, die ihren sterbenden Patienten keinerlei Schmerzmittel verabreichte, weil sie der Meinung war, dass auch Jesus leiden musste und es dementsprechend dazu gehört – und sie ja auch mit ihren Patienten gelitten hätte. Das hat für mich überhaupt nichts mit Menschlichkeit zu tun. Wenn ich mir das für meine Mama oder jemand anderen mir sehr nahe stehenden Menschen überlegen würde, dass ich so handeln MUSS, weil es meine Religion so besagt. Tut mir leid. Funktioniert nicht.

Wenn ein Rabbi dann argumentiert, man könne einen Jungen nicht erst mit 14 (das Alter, in dem man religionsbezogen als mündig gilt) beschneiden lassen, weil man damit das Risiko eingeht, dass der Junge so lange keinen Kontakt mit Gott aufbauen kann…Was machen denn eigentlich Mädchen? Haben die nie Kontakt mit Gott? Oder haben die die Standleitung in einem anderen Organ eingebaut?

In einer Diskussion zu dem Thema in einer Fernsehsendung (Ali Utlu ist auch auf der Kritischen Islamkonferenz 2013 gewesen, die auch ich besuchte – wenn man diese Menschen persönlich trifft, ist der Bezug natürlich noch viel stärker.) wird zusätzlich noch betont, dass es eine psychische Belastung für ein Kind wäre, wenn es entsprechend lange von seiner Gemeinschaft nicht aufgenommen werden würde, weil es nicht beschnitten ist. Was ist das für eine Gemeinschaft? Was ist das für ein Männerclub (juchu! Patriarchat!), in den man nur reinkommt, wenn einem ein Stück Haut am Penis fehlt? Wie können sie es zulassen, dass ein Kind sich schlecht deswegen fühlt und als nicht vollwertiger Teil der Gemeinschaft betrachtet wird – wodurch die psychischen Probleme ja erst entstehen -? Ich habe über Beschneidungszeremonien viel gelesen, speziell im islamischen Bereich. Es findet hier wirklich eine absolute Zentrierung des Penisses statt. Eine Religion, die Frauen immer wieder deutlich macht, dass die Sexualität der Frau und ihr Geschlecht etwas ist, für das sie sich schämen muss und dass Masturbation etc. sich nicht gehört, während die Männer einen Freifahrtsschein dafür haben sich seit frühester Kindheit an mit ihrem Penis zu beschäftigen und sich sogar darüber definieren. Seyran Ateş schreibt in ihrem einen Buch, das ich bereits häufig zitiert habe, über ihre eigenen Erfahrungen darüber: ‚[…] Mir hätte es sehr geholfen, wenn ich früher darüber informiert worden wäre, was so alles in meinem Körper passieren kann, weil ich ein Mädchen bin. Vor allem hätte mir geholfen, wenn ich mich nicht so unendlich dafür hätte schämen müssen, dass ich eine Vagina hatte, aus der etwas hinauskam und in die auch etwas hineinkonnte. Die Sprachlosigkeit hat mich sehr gequält. […] Gleichzeitig hatte ich nicht den Eindruck, dass die Jungs um mich herum irgendein vergleichbares Schamgefühl besaßen. Im Gegenteil, viele von ihnen spielten ständig mit ihren Genitalien, als ob es das Normalste auf der Welt wäre. Sie konnten vor einem stehen, einem in die Augen sehen und dabei an sich herumspielen. Sie konnten sich zu einem Familienfoto aufstellen und erst mal ihre Genitalien zurechtfummeln. Ich habe das gehasst und mich gefragt, was passieren würde, wenn ich unter meinen Rock greifen würde, während ich gerade mit jemandem rede. […] Für die Jungs war es offensichtlich nicht ayıp (Anm.: schändlich), Genitalien zu haben, im Gegenteil, sie wurden sogar zur Schau gestellt, zum Beispiel bei der Beschneidung. Bei der Zeremonie dreht sich alles um den Penis des Jungen. […] Während die Genitalien der Mädchen mit Scham und Unreinheit in Verbindung gebracht wurden, wurde das Geschlechtsteil des Jungen beinahe angebetet, auch von älteren Frauen. Mich trieb die Frage um, wieso mein Geschlecht mehr Abwertung erfuhr als das Geschlecht meiner Brüder und Cousins. Aber natürlich erklärte mir das niemand. Ich fand es ungerecht, dass für uns alles ayıp und für die Jungs fast alles erlaubt war.‘ (1) Für mich sagt das alles und ich bin sehr sicher, dass dies – auch heutzutage – kein Einzelfall ist.

Eigentlich wollte ich, gestern schon, über ein anderes Thema schreiben. Über eine Frau, die in meinen Augen an Schrecklichkeit kaum noch zu überbieten ist: Gabriele Kuby. Sie tingelt, vor einigen Jahren zumindest tat sie das, durch bundesweit bekannte Talk Shows und verbreitet im Namen der katholischen Kirche (nicht, dass sie deren Worte verdrehen würde, sie spricht nur all das aus, was einige Vertreter der Kirche lieber unter den Teppich gekehrt hätten…) ihre homophoben und kranken Ansichten. Diese Frau kann mehr als froh sein, dass wir in Deutschland freie Meinungsäußerung haben. Nagut, aber mehr dazu morgen!

Ich danke euch allen für die wirklich lieben Worte und die Motivation und ich verspreche, dass ich in Zukunft nicht so schnell ans Aufgeben denken werde – wobei es in diesem Fall eher eine persönliche Sache war, eine Freundschaft, die ich nicht gefährden wollte. Das habt ihr auch so gesehen, also diejenigen, mit denen ich gesprochen habe. Danke!

~ Dramaqueen.

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(1) Ateş, Seyran: Der Islam braucht eine sexuelle Revolution. Berlin 2009, S.17ff

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