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Ich konnte mich irgendwie nicht so richtig aufraffen endlich zu schreiben, aber ich mache es jetzt doch, wie ihr seht. Gestern war ich also auf dieser kleinen Podiumsdiskussion über das Thema ‚Offene Religionspolitik in der Praxis‘, ausgerichtet von der Friedrich-Naumann-Stiftung in Berlin, bei der insgesamt vier Leute aus verschiedenen Organisationen miteinander diskutiert haben.

Ich war recht gespannt, was nun auf mich zukommen würde, schließlich bin ich eher nicht so die FDP-Wählerin. Anwesend waren ein Herr des ‚Forums Offene Religionspolitik‘ (FOR), ein Mitglied der alevitischen Gemeinde, ein Vertreter des Humanismus und Säkularismus und ein Pastor einer altkatholischen Gemeinde. Klingt erstmal nach einer interessanten Mischung. Der Herr des FOR begann mit einer Präsentation, in der er aufzeigte, in welcher Form Mitglieder verschiedener Weltanschauungen unterschiedlich behandelt werden. Fand ich prinzipiell erstmal interessant. Vorgestellt hatte er sich als aus der Kirche Ausgetretener, hat aber ein bisschen damit hinter dem Berg gehalten, was genau die Gründe hierfür waren. Im Laufe seiner Präsentation wurde ich immer skeptischer, weil er schließlich damit abschloss zu sagen, dass seine Organisation sich dafür einsetze, dass keine politische Entmachtung von irgendeiner Weltanschauungsgruppe stattfinden solle, weil der Staat als solcher wohl nicht neutral sein könne, sondern im Gegenteil: alle Weltanschauungsgemeinschaften sollen denselben Status erhalten und entsprechend vom Staat gleichermaßen gefördert werden. Es dürfe sich keine Gruppe ausgeschlossen fühlen, egal, wie groß oder klein sie ist. Entsprechend solle auch Religionsunterricht in alle verschiedene Richtungen erlaubt sein.

Tja, jetzt fragte jemand zu Recht aus dem Publikum, ob man nicht dadurch weiterhin den Kindern die Freiheit nähme selbst entscheiden zu dürfen, welchem Unterricht (und welcher Ideologie) sie folgen möchten – schließlich wäre es dann wohl so wie heute, wo Kinder hauptsächlich den Unterricht besuchen mit dessen Weltanschauung sie erzogen/groß geworden sind. Mir stellte sich zusätzlich noch eine ganz andere Frage: Schafft man so nicht wieder eine viel größere Trennung zwischen den einzelnen Menschen, weil es noch mehr Einteilungen gibt? Ich unterstütze ebenso wie viele Mitglieder der Giordano-Bruno-Stiftung die Haltung, dass, genauso wenig wie es Grüne, FDP- oder CDU-Kinder gibt, es auch keine muslimischen, jüdischen oder sonstwie gearteten Kinder gibt, die mit solch einer Brandmarkung auf die Welt kommen – und somit wieder eine künstlich geschaffene Kategorisierung entsteht, die man mit einer anderen Unterrichtsgestaltung vermeiden könnte. Der gute Mann des FOR äußerte sich dann noch entsprechend dazu, indem er sagte, dass er sich nicht anmaßen möchte zu sagen, ob ein Baby noch keine Religion hätte (wtf?! <- das war genau mein Gedanke dazu) und quasi als Atheist auf die Welt käme.

Der Moderator stellte auch zwischendurch eine Frage, die in etwa so formuliert war: ‚Also sollte man eher den Atheismus zur Staatsreligion erklären?‘ – Atheismus = Religion?! Sicherlich hätte er schriftlich das Wort Staatsreligion in Anführungszeichen gesetzt, aber trotz allem wäre es nicht das erste Mal, dass jemand behauptet Atheismus sei doch auch nur eine Art von Religion. Diejenigen, die das wirklich denken, haben überhaupt keine Ahnung, was genau Atheismus ist und bezeichnet. Es handelt sich hier nicht um eine Weltanschauung, die einfach an irgendetwas glaubt – sie sucht nach Beweisen, und liefert diese auch mit Hilfe von Naturwissenschaften. In Religionen hingegen wird es einfach akzeptiert, dass etwas geschieht, ohne wirklich hinterfragen zu WOLLEN, was die Ursache für etwas ist. Die Kreationisten arbeiten ja gerne als Lückenwühler der Naturwissenschaften und machen sie sich so zu Nutze, indem sie noch bestehende Lücken in Theorien oder Erklärungsmustern aufspüren und dann behaupten, weil die Naturwissenschaften bisher NOCH auf keine befriedigende Lösung gestoßen sind, dass es auch keine gibt, und somit Gott dahinter stecken müsse. Man gibt sich also einfach damit zufrieden, dass ein Schöpfer, wie auch immer der geartet sein will, die Ursache für alles ist und man nicht mehr wissen will, ob es eigentlich wirklich Sinn ergibt, was da ‚geschaffen‘ worden ist. Immerhin gibt es durchaus noch eine Menge Lebewesen, Pflanzen als auch Tiere, die noch längst nicht fertig in ihrer Evolution sind und sich immer wieder an entsprechende Veränderungen in der Umgebung anpassen müssen. Atheismus ist keine Religion, sondern eine Weltanschauung auf Basis der Naturwissenschaften. Solange etwas nicht wissenschaftlich fundiert bewiesen werden kann, ‚glaubt‘ man auch nicht daran.

Es kam dann auch noch die Frage, ob man als religionsfreier Mensch überhaupt in der Lage sei moralisch zu handeln. Ich weiß nicht, wie man wirklich auf so eine Frage kommen kann. Natürlich wurde sie aber wieder (vom guten FOR-Mann) so begründet, dass unsere moralischen Werte auf christlich-abendländischen Werten fußen. Das ist Bullshit. Das musste auch der Säkularistenmensch einwerfen. All diese Werte wurden im Laufe der Zeit hart erkämpft gegen die Religion. Menschenrechte, insbesondere Frauenrechte etc. sind so gut wie alle Produkte und Folgeerscheinungen der Aufklärungszeit. Abgesehen davon, fügte der Säkularist noch richtigerweise hinzu, sei der Vatikan mit Weißrussland der einzige Staat in Europa, der die Menschenrechtskonvention nicht unterschrieben hat.  Aber noch einmal zurück: ich finde es wirklich anmaßend einem Atheisten, Konfessionslosen, Freidenker, säkularen Humanisten, oder wie immer er sich bezeichnen möchte, vorzuwerfen, dass er möglicherweise gar keine Werte und Moralvorstellungen hätte. Hallo?

Aber wisst ihr was? Ich für meinen Teil glaube, dass genau das einer der problematischen Punkte ist, der den Leuten unbewusst im Gehirn rumgeistert und weswegen ich mich immer noch als Mensch zweiter Klasse fühle, weil bzw. wenn ich mich negativ über Religion äußere. Egal, wie religiös oder unreligiös die Leute selbst sind. Man wird einfach innerhalb von Sekunden durch einen anderen Filter betrachtet (das tue ich übrigens auch, nur anders herum – und meist ohne, dass ich mich traue ihnen etwas entgegen zu setzen). Auch hier auf dem Blog kommt es mir so vor, dass ich mittlerweile einige meiner ‚Freunde‘ auch auf Facebook, wo ich regelmäßig meine Einträge poste und zum Lesen frei gebe, ernsthaft verschreckt habe, weil sie mich nun durch völlig andere Augen sehen: ‚Was? Saskia glaubt nicht an Gott?‘, ‚Wie kann sie nur sowas über Gott/Religion/Gläubige schreiben?!‘, ‚Ich dachte immer, sie wäre so eine nette Person!‘, ‚…und ich dachte, ich würde sie kennen!‘, ‚Ich hoffe, sie meint das nicht wirklich so…’…Ein Weltbild bricht zusammen….Ich halte wirklich häufig bei bestimmten Menschen hinterm Berg mit meiner Meinung, einfach, weil ich ihnen nicht die ‚Illusion‘ nehmen möchte, ich sei ein Mensch, der all dieselben Ideologien und Ansätze verfolgt wie sie selbst. Aus dem Grund werde ich schnell paranoid, wie ihr auch schon verfolgen durftet (ich merke grad beim Korrekturlesen, wie brilliant dieses unbeabsichtigte Wortspiel ist..nicht!). Es ist keine schöne Vorstellung, dass ich mich zurück halte aus falschen Gründen, aus falscher Scham und aus der Sorge heraus, dass mein Gegenüber mich nun verachten könnte aufgrund meiner Äußerungen.

Womit ich nun zu einem anderen wichtigen Punkt kommen möchte, den auch mein Freund gerne anbringt: Wieso bezeichnet man sich denn überhaupt als Atheist und wieso muss man sich in Gruppen zusammen schließen? Es gibt eine Menge Menschen, vor allem in Deutschland, die sich mittlerweile als konfessionslos bezeichnen. Diese Menschen haben keine Stimme und haben genau das Problem wie ich: Sie trauen sich nicht offen zu ihrer Meinung und Denkweisen zu stehen. Einfach, weil es in dieser Gesellschaft nicht gerne gesehen wird und man schlimmstenfalls in einer Ecke mit dem Teufel steht – man ist eben gottlos. Wir Gottlosen möchten dieselben Rechte genießen wie alle anderen und wollen uns nicht bloß mit unseren eigenen Leuten treffen, um dort herum zu heulen, was alles unfair und schief läuft. Immerhin habe ich durchaus meine Werte, die ich hier oft genug bereits vertreten habe und ich bin es leid mich dafür rechtfertigen zu müssen und schief angesehen zu werden, als hätte ich ihnen hinterrücks ein Messer in den Rücken gerammt. Ich setze mich für JEDEN Menschen ein, einfach, weil er ein Mensch ist – zumindest solange er keine menschenverachtenden Ideologien verfolgt. Aber selbst wenn ein Nazi zu mir käme, mit blutender Glatze, würde ich ihm selbstverständlich helfen. Im Gegensatz übrigens zu manchem katholischen Krankenhaus, das z.B. eine Frau abweist, weil sie nach einer Vergewaltigung die Pille danach erhalten möchte. Der FOR-Mann war der Meinung, dass es richtig sei, dass es solche Einrichtungen gäbe und es ihnen entsprechend frei stehen sollte ihre Werte dort zu leben. Aha? Weil die ja so gut sind? Vielleicht sollten gerade diese Menschen, die mir das Gefühl geben auf der falschen Seite zu stehen, einfach mal ihre Wertevorstellungen und deren Herkunft reflektieren. Und sich die Bücher auch mal DURCHLESEN, denen ihre Werte zugrunde liegen. Und sollten nicht immer eher andersherum mit dem Finger auf mich zeigen (manchmal tun sie das auch nur mit einem ungläubigen (haha! ungläubig!) und verständnislosen Blick auf mich), wie ich mir anmaßen kann solch eine Meinung wie die meine zu vertreten.
Als die Dame der alevitischen Gemeinde gefragt wurde, ob es für sie als Muslima in Ordnung sei für andere Konfessionen mitzubezahlen, bspw. in Form einer Kirchensteuer, bejahte sie. Mit der Begründung, dass es schließlich eine gute Sache sei, wenn die Gesellschaft als solche davon profitieren würde. Schade nur, dass es in der Realität oft nicht so ist, dass die gesamte Gesellschaft davon profitieren kann, sondern oft nur dienjenigen, die den dort (in den Institutionen) vorherrschenden Vorstellungen von Moral und Anstand und Bla entsprechen und ihren Penis nicht in den Anus von einem anderen Menschen mit Penis stecken. Oder ein Baby in sich tragen, das ihnen gewaltvoll eingesetzt wurde (okay, das liest sich ein bisschen strange, aber ihr versteht schon) und das sie aus traumatischen Gründen nicht austragen wollen…(Ich bin mir bewusst, dass ich gerade extreme Einzelfälle verallgemeinere, aber seien wir doch mal ehrlich: Viele Menschen, die sich bestimmten religiösen Gemeinschaften angehörig fühlen, vertreten bestimmte Werte -> s. die gute Frau Kuby <- und leben diese auch. Nicht alle äußern sich öffentlich dazu, aber wenn man zu einigen Themen mal durchs Netz surft oder auch bei ’seriösen‘ Seiten wie Spiegel Online etc. durch die Kommentare blättert, offenbart sich einem Ungeheuerliches. Ich las neulich wieder extrem homophobe und menschenverachtende Äußerungen von Menschen zum Thema der juristischen Gleichberechtigung von Inter- und Transsexuellen in Deutschland. Und auch als es um die Homoehe ging, gab es regen Protest. Vor allem Jürgen Domian konnte davon ein Lied singen, als er sich positiv dazu äußerte und unter seinem Post auf Facebook wirklich einen abartigen Shitstorm sondergleichen auslöste, dem er nur durch Löschungen diverser geistiger Diarrhö Herr werden konnte.)

In NRW wurde ein Weltanschauungsunterricht im Sinne des Humanismus von der Landesregierung VERBOTEN, während just der Islamunterricht eingerichtet wurde. Das fand sogar der FOR-Mann verwerflich und forderte ja dementsprechend, dass jede Weltanschauungsform ihren eigenen Unterricht bekommen soll. Aber: Ist es wirklich sinnvoll allen Religionsgemeinschaften einen eigenen Religionsunterricht zuzugestehen? Es gibt wirklich sehr viele davon und ich weiß nicht, ob dies die richtige Basis ist Kinder zu mündigen und reflektierenden Bürgern zu erziehen, die eben genau diese humanistischen Werte vertreten, die ich für sehr wichtig erachte in einer pluralen Gesellschaft und die ALLE Menschen einschließen – und sich nicht an uralten Schriften orientieren, die Kategorien erstellen, die gerade dazu einladen zu diskriminieren und sich über andere zu stellen. Es muss Aufklärung betrieben werden, von Anfang an. Würde man den Kindern von vornherein ein vielfältiges Angebot in der Schule bieten, das ihnen frei stellt selbst zu entscheiden und die Möglichkeit eröffnet mit einem offenen und neugierigen Blick an alles heran zu gehen, auch das, was ihnen im ersten Moment als fremd erscheint und sie sich nicht (wie oft zwangsweise) kategorisieren lassen müssten, dann gäbe es auch für mich als Ungläubige endlich eine Möglichkeit wirklich frei meine Meinung äußern zu dürfen. Ohne mit gesellschaftlichen Sanktionen rechnen zu müssen. Es würde schlicht als eine Meinung akzeptiert werden. Immerhin werden mündige, reflektierende Kinder irgendwann zu mündigen und reflektierenden Erwachsenen, die diese Gesellschaft prägen.

Mein einziges Problem, das ich mit der vollständigen Laizität eines Staates, habe, ist, dass dadurch tatsächlich eventuell eine Einnischung religiöser Gruppen stattfinden könnte, die einen Nährboden für extremistische Ideologien bieten. Darüber und über andere Aspekte in dieser Richtung muss ich noch in Ruhe nachdenken. Ich werde wohl mal E-Mails an meine Freunde der Giordano-Bruno-Stiftung schicken (momentan ist es ja leider noch eine eher einseitige Freundschaft..), um dort vielleicht eine befriedigende Lösung zu erhalten. Dort fiel häufig der Begriff der Transkulturalität, den ich noch einmal genauer beleuchten möchte für mich. Kann sein, dass sich daraus schon Lösungsansätze ergeben, die ich grade nicht so auf dem Schirm habe.

Okay, erstmal genug gewettert. Worte zum Sonntag und so. Leider hab ich gestern nicht dran gedacht einen Block mitzunehmen und mitzuschreiben, darum fallen sicherlich einige Äußerungen von dort jetzt unter den Tisch. Aber an sich waren das schon die wesentlichen, die ich hier aufgeschrieben habe – das Ganze ging letztendlich auch nur 1 1/2 Stunden.

Ich hinterlasse euch noch ein Zitat:

‚Yes, reason has been a part of organized religion, ever since two nudists took dietary advice from a talking snake.‘
Jon Stewart

PS: Ist Gott eigentlich der ominöse ‚Inivsible Man‘, über den Queen singen? Das wäre irgendwie gruselig…(grüßelig :D)

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