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So, nach ca. 1000 Jahren des Sich-drückens, bin ich nun erstmal wieder am Start hier. Ich weiß, ich sage das ständig und vermutlich glaubt es mir so langsam keiner mehr, aber ich kann echt nicht erklären, wie stressig es ist, sich dauernd wieder mit bestimmten Themen auseinander zu setzen, von denen man das Gefühl hat, sie würden eh niemanden weiter bringen. Meine Woche war emotional sehr anstrengend irgendwie, weil mehrere meiner engeren Freunde und Familienmitglieder zur Zeit unglückliche Phasen durchmachen, ich kaum wirklich Zeit für mich hatte und dann noch die ersten Kacksituationen im Unileben anstanden. Letzte Woche habe ich übrigens das Rassismus-Seminar ausfallen lassen, weil ich dringend zwei Präsentationen für letzten Freitag vorbereiten musste, die mich in ein dummes Selbstzweifel-Loch stürzen ließen. Ich war Freitagabend emotional so ausgelaugt, dass ich nur zu Hause liegen wollte, während mir jemand über die Haare streichelt und sagt, dass alles gut wird.

In meiner WG fühle ich mich seit ner Weile nicht so wirklich wohl und jeder weiß, dass, wenn es zu Hause schon nicht gut ist, man immer so einen unterschwelligen Stress hat, den man mit sich rumschleppt. Dann kommt noch dazu, dass es beschissen ist, wenn man feststellen muss, dass man einfach leider eine unfassbar strunzendumme Person ist, die es nicht auf die Reihe bekommt Diskursanalysemethoden sinnvoll an Beispielen anzuwenden, während der ganze Kurs sich an Obama-Reden und How I met your mother- Dialogen analytisch abreagiert. Ist jetzt ein bisschen aus dem Zusammenhang gerissen, aber in solchen Momenten merkt man wirklich, was man alles nicht kann und wie nutzlos man für diese Welt ist.

Aber eigentlich hatte ich versprochen von meinem Essay zu erzählen. Der Prüfungsleistung, vor der ich mich zwei Monate gedrückt habe, weil ich nicht wusste, wie ich damit umgehen soll. Schreibe ich jetzt doch etwas, das meinem Dozenten in den Krams passt? Rede ihm nach dem Mund und pöbele rum, wie dumm Wissenschaft ist? Oder schreibe ich über etwas, das mir erlaubt mein Rückgrat beizubehalten und zu meiner Meinung zu stehen? Nur, wie argumentiert man bei jemandem, der der Auffassung ist, dass Wissenschaft nicht objektiv sein kann bzw. es nicht ist, Mathematik eine Ideologie ist, mit dem entsprechenden Trugschluss, dass es wissenschaftliche Universalität einfach nicht gibt? Tja. Diese Frage stellte ich mir immer und immer wieder. Selbst wenn ich versucht hätte genau das zu schreiben, was mein Dozent hören will, hätte ich gar nicht gewusst, was. Aber allein bei dem Gedanken, mich zu verbiegen und mich selbst zu verraten, hat sich in mir alles zusammen gezogen und meine Muskeln blockiert.  Ich habe ihm also, nach sehr langem Überlegen, einen sehr persönlichen und intimen Aufsatz abgeben. Habe das Thema nicht mit ihm abgesprochen, sondern einfach drauf los geschrieben. Über meine eigenen Erfahrungen mit Hormonen. Der Titel des Essays war ‚Die Macht der Hormone‘. Da mein Dozent ja der festen Überzeugung ist, dass es sich bei Testosteron und Östrogen AUSSCHLIESSLICH um Wachstumshormone handelt (‚es wird langsam mal Zeit, dass die Wissenschaftler begreifen, dass es sich hierbei um nichts anderes als Wachstumshormone handelt. Das ist doch ein völlig logischer Zusammenhang!‘), die u.a. (!) mit dem Wachstum von völlig unbedeutenden Organen wie Hoden, Eierstöcke etc. zusammen hängen, habe ich mir überlegt, meine persönliche Leidensgeschichte dazu zu verschriftlichen.

Ich konnte mir einen gewissen Zynismus nicht verkneifen, weil ich auch teilweise wirklich nicht wusste, wie ich bestimmte Aussagen begründen sollte, wenn diese Begründungen für meinen Gegenüber keinerlei Gewicht haben. Hier mal ein kleiner Auszug: ‚In meinem Körper wurde mit 15 Jahren festgestellt, dass er zwar richtigerweise sowohl Östrogen als auch Testosteron produzierte, wie es bei jedem Menschen grundsätzlich üblich ist, unabhängig davon, wie sich sein Geschlecht definiert, jedoch kam bei mir eine gewisse Problematik hinzu, die sich erst in einem Blutbild klären lassen konnte. Sicherlich kann man jetzt argumentieren, dass dieses Blutbild überhaupt nicht verlässlich ist, da es sich hierbei ja um eine wissenschaftlich fundierte Methode der Analyse handelt, die für manch einen keinerlei Bedeutung erfährt, aufgrund des Anspruchs der Analyse auf wissenschaftliche Universalität, begründet in möglichst objektiver Wissenschaftlichkeit. Für mich allerdings ist diese Analyse zu berücksichtigen, da in meiner Wahrnehmung die wissenschaftliche Universalität existiert‘ oder

[‚Eigentlich hatte ich gedacht, dass meine hormonelle Störung – denn für mich ist es aus medizinischer Sicht eine Störung, und ich empfinde bei dem Begriff keinerlei Diskriminierung, dass ich im Gegensatz zu anderen womöglich gestört bin, denn ich spürte ja, dass etwas in mir nicht stimmte und negative Auswirkungen hatte – nach so langer Zeit nicht mehr so ausgeprägt war, weil mein Körper sich verändert hatte und sich alles von selbst geregelt hätte.‘ oder

‚Ich habe am eigenen Leib gespürt, welche Funktionen sie noch alles besitzen und war heilfroh, als ich nach dem sechswöchigen Experiment meine Therapie fortsetzen durfte und mein Leben sich wieder normalisierte. Normalisieren benutze ich hier, weil, auch, wenn mein Leben per se keiner besonderen ‚Norm‘ innerhalb der Gesellschaft folgt, ich dennoch einen individuellen Alltag habe, der für mich Normalität symbolisiert. Meine Erkrankung hat keinen Bezug zu irgendwelchen gesellschaftlichen Bedingungen, es sind Ereignisse, die geschehen sind, ohne, dass ich oder jemand Anderer irgendeine Form von Einfluss darauf gehabt hätten.‘ oder

‚Jeder, der behauptet, dass diese Probleme nur auf einer Prägung durch bestimmte Schulfächer beruhen, und somit nur meiner subjektiven Wahrnehmung, von der ich nur glaube, dass sie subjektiv ist, entsprechen, weiß nicht, wovon er spricht. Objektiv wissenschaftlich betrachtet gibt es bei mir eine hormonelle Störung und gerade, weil man diese Störung objektiv wissenschaftlich betrachten kann, gibt es auch die Möglichkeit mir helfen zu können. Es ist nötig eine Störung in einem gewissen Rahmen als Störung benennen zu dürfen.‘ ]

In der Mail, in der ich meinem Dozenten den Essay anhängte, schrieb ich, dass er über bestimmte Äußerungen sicherlich wütend werden wird, ich aber nichts dagegen tun kann, weil es nun mal meine Ansichten gegen seine sind. Dass wir doch grundsätzlich auf der selben Seite stünden, nur seine Wege nicht meine sind. Dass ich mich nicht dafür rechtfertigen möchte, dass ich als heterosexuelle, weiße Frau auf die Welt gekommen bin, zufällig Akademikerin werden durfte und trotz allem nichts für all diese Privilegien kann. Genauso wenig wie er etwas für die Fakten kann, dass er als schwuler Pole auf diese Welt kam – und dem aufgrunddessen sicherlich sehr viel Leid geschehen ist, einfach, weil viele Menschen noch immer nicht in der heutigen Zeit angekommen sind (und deren Ansichten leider auch immer noch durch Medien und diverse angebliche Normen begünstigt und verfestigt werden – daher stimme in den Punkten absolut zu, dass sich etwas ändern muss. Aber eher nicht auf diese totalitäre Art und Weise, die letztendlich auch wieder ausgrenzt und neue Kategorien schafft und beibehält.).

Darum hat niemand das Recht, meine Entscheidungen, mit einem Mann zusammen zu sein (was nicht mal eine ENTSCHEIDUNG per se war), vielleicht mal zu heiraten oder auch nicht und eventuell Kinder in die Welt setzen zu wollen, zu verurteilen oder mich in eine Ecke zu drücken, in die ich ihrer Meinung nach hingehöre. Menschen sind für mich Menschen und es ist mir ziemlich egal, wie deren Lebensentwürfe aussehen, solange dadurch niemand Leid davon trägt. Ich teile niemanden nach Geschlecht oder Hautfarbe ein und selbst, wenn ich mir meinen Teil in bestimmten Situationen denke, würde es mir im Traum nicht einfallen die Menschen nur auf eine dieser Katgorien zu reduzieren ohne ihnen die Chance zu geben sich als Mensch präsentieren zu dürfen. All diese Übungen in meinem Kurs, in denen man überlegen sollte, wann man sich zuletzt darüber bewusst geworden ist, welches Geschlecht man hat, dienen doch letztendlich nur dazu, dass man sich permanent darüber Gedanken macht, ob man jetzt gerade auf irgendeine Kategorie reduziert wurde und dass man sich nun konsequenterweise darüber beschweren soll. Obwohl man sich persönlich vielleicht gar nicht daran stören würde – man wurde eben durch z.B. Gender Training darauf ’sensibiliert‘ (wie es dort genannt wird) und gepolt auf solche Faux-Pas zu achten und zu reagieren.

Ich möchte auf diese Weise keinen Freibrief für generelle Diskriminierung erteilen, aber ich halte es für sehr ungesund, wenn man grundsätzlich erstmal davon ausgeht, dass man von seinem Gegenüber auf eine bestimmte Kategorie reduziert wird. Bricht man so Kategorien auf? Man macht sich dadurch doch erst recht zum Opfer, indem man genau auf derselben Ebene argumentiert wie der Gegenüber. Vielleicht habe ich es schon einmal gesagt, aber Menschen sind nicht scheiße wegen ihrer Hautfarbe oder weil sie einen Penis haben: Sie sind in erster Linie scheiße, weil ihr Verhalten als Mensch gegenüber anderen scheiße ist. Sich hinter irgendwelchen Kategorien zu verstecken und sich somit eine Absolution zu holen sich alles erlauben zu können…wo soll das hinführen? Geht es irgendwann nur noch ‚uh, der hat noch 2 Diskriminierungsmerkmale mehr als ich…die arme Sau‘ – während derjenige sich vielleicht nicht mal darüber im Klaren ist? Diskriminierungs-Quartett. Das wäre doch mal ne gute Idee. Wiegt dann die Kategorie Hautfarbe schwerer oder weniger schwer als Geschlecht? Und was ist mit Behinderungen? Ist es wirklich der richtige Weg diese Diskriminierungshierarchie-Pyramide, von der ich hörte, dass es sie tatsächlich gibt, als Standardangstverhalten in der Gesellschaft zu etablieren? So, wie meine eine Dozentin es gerne hätte: Wenn Sie schon nicht mehr wissen, was Sie überhaupt noch sagen dürfen, sind Sie auf dem richtigen Weg! ?

Neben meinem Rassismus-Seminar besuche ich noch ein weiteres über Tabuisierungen in der Sprache. Dort wurde ich mit einem Modell konfrontiert, das genau das bestätigte, was ich bereits in einem meiner Beiträge formulierte: Die Worte, die man nun als Ersatz für bestimmte Zustände oder Wörter neu besetzt, werden im Laufe der Zeit wieder mit problematischen Referenzen verbunden werden, die es erforderlich machen WIEDER neue Wörter zu schaffen und die alten damit zu ersetzen. Oft nutzen Menschen, die mittlerweile vor allem Angst haben bezüglich ihrer Sprache, einfach nur Euphemismen für Situationen und Gegebenheiten, die der Betroffene viel konkreter ausspricht. So las ich mal von einer sehr kräftigen und tollen Bloggerin, dass sie in einem Interview sagte (sinngemäß) ‚Ich bin dick. Nicht mollig. Wieso sollte ich das nicht so nennen? Warum muss ich etwas künstlich beschönigen, das von der Gesellschaft nun mal nicht als solches gesehen wird?‘. Und ich finde, sie hat recht damit. Ich habe bereits auch schon Menschen mit Behinderung getroffen, die sich selbst als ‚Behinderter‘ beschreiben und keinen Wert auf political correctness in diesem Zusammenhang legen. Das Wichtigste ist doch, dass ihnen das Leben nicht noch weiter behindert wird, indem es keine barrierefreien Straßenbahnhaltestellen gibt – dann stellt sich die Frage, was korrekt wäre, gar nicht mehr. Weil sie völlig problemlos durch das Leben kämen und ihre Behinderung in den Hintergrund tritt. Abgesehen davon ist niemand von uns vor einer Behinderung geschützt. Es kann jeden, jederzeit treffen. Temporär oder lebenslang. Diese Art der Beschönigung von unschönen Fakten zeigt in meinen Augen oft nur die eigene Abneigung und Verunsicherung im Umgang mit ihnen.

Wisst ihr, was ich auch neulich wieder überlegt habe? Wenn ich einen Menschen im Rollstuhl treffe, wie soll ich mich verhalten? Soll ich ihn anschauen, so wie ich Menschen eben anschaue, wenn sie mir entgegen kommen? Einfach als Registrierung, dass man sich z.B. nicht gegenseitig über den Haufen läuft? Oder soll ich sie einfach nicht weiter beachten? Wenn ich das tue, habe ich das Gefühl, derjenige denkt vielleicht, dass ich nicht registriert habe, in was für einer ‚Lage‘ er sich befindet und es mir egal ist bzw. ich für Menschen wie ihn nichts übrig habe – weil ich sie ja nicht anschaue. Wenn ich sie hingegen ansehe und vielleicht sogar anlächle, dann fühlt es sich gleichzeitig wieder so an, als würde derjenige denken ‚ach komm, du guckst doch nur rüber, weil ich im Rollstuhl sitze. Haste etwa noch nie jemandem im Rollstuhl gesehen? Wieso lächelst du mich noch an? Glaubst du, ich brauche dein Mitleid?‘. Ich finde solche Momente absolut schrecklich und unangenehm. Natürlich könnte ich zu demjenigen hingehen und nachfragen – aber ziemlich sicher verkompliziere ich dann etwas, was meinem Gegenüber überhaupt nicht in den Sinn gekommen wäre, hätte ich ihn nicht darauf aufmerksam gemacht. Ist es wirklich das, was meine Dozentin möchte?

Übrigens: Diskriminiert man nicht jedes Mal einen Menschen, wenn man ihm einen Korb gibt? Immerhin gibt es ja Gründe, weswegen man diese Abweisung erteilt. Man kann dadurch jemanden sogar in psychische Krisen stürzen. Und trotzdem tut man es immer wieder – weil es natürlich unehrlich wäre sich auf tausend Menschen gleichzeitig einzulassen, bloß aus Mitleid oder aus anderen fadenscheinigen Gründen. Aber wie kann man das trotzdem mit sich klar bekommen? Ich fühle mich oft dabei unwohl, weiß aber gleichzeitig, dass es die beste und unausweichliche Lösung ist. Wie seht ihr das?

Mein Dozent hatte meinen Essay noch nicht gelesen, als er mir zurück geschrieben hatte und meinte, ich solle doch vielleicht meine Meinung und Ansichten in einer Mail an den Kurs formulieren, weil er es schwer beurteilen kann, wie die Stimmung im Kurs gewesen ist, wenn er nur sich und mich als Akteure berücksichtigt. Es täte ihm aber sehr leid, dass ich mich so unwohl gefühlt habe im Kurs, er werde sich in Zukunft mehr Mühe geben auf diejenigen zu achten, die im Kurs eher ‚abwesend‘ sind. Ich traue mich nun seit ca. 2 Wochen meine Mails nicht mehr anzuschauen, weil ich irgendwie Schiss vor seiner Reaktion habe. Letztendlich wird sicherlich gar nichts passieren, aber ich kann diese etwaige Eskalation nicht ertragen. Diese Konfrontation. Und eventuell im Notfall nicht die richtigen Argumente parat zu haben, etwas verspielt zu haben und am Ende doch bei den Falschen gelandet zu sein. Er ist ja schließlich definitiv bei den Guten…

Meine Freunde, die meinen Essay gelesen haben, waren fast alle erstaunt über so viel Mut, den ich aufgebracht habe meinem Dozenten über meine intimsten Erfahrungen zu berichten. Aber ich habe ihn mit großen Bauchschmerzen abgeschickt. Eine Mail an meinen Kurs werde ich niemals schicken. Es würde früher oder später bekannt werden, von wem sie kam, selbst, wenn sie anonym verschickt würde. Und ich hab einige dieser Leute erlebt in ihrer Wut. Da mache ich mich lieber nichr zur Zielscheibe auf dem Campus…Angst. Mal wieder.

Verzeiht diesen überaus ausufernden Beitrag, aber irgendwie bin ich seit den letzten Monaten sehr viel dünnhäutiger als jemals zuvor und nehme mir Äußerungen noch mehr zu Herzen…und belaste mich zusätzlich mit den Belastungen anderer. Was ich gerne mache, aber es greift meine Substanzen doch mehr an als ich dachte.

….And after all we’re only ordinary men.

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