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Ja, ich bin eine Rassistin. Ich finde mich jetzt einfach damit ab. Vermutlich erleichtert dieses Eingeständnis das Leben um ein Vielfaches, weil die Leute schon wissen, was sie von einem zu erwarten haben. Man wird zwar durchaus mehr geächtet in der Gesellschaft als sonst (eigentlich tun sie nur so, als würden sie das tun – sind ja alles selbst Rassisten), aber das bin ich als Frau in einer patriarchalen Welt bereits gewohnt. Ich habe auch gelernt, dass ich lediglich darauf aus bin, mich bei weißen, heterosexuellen Männen beliebt zu machen und rede denen dann so gut es geht nach dem Munde. Was soll ich auch sonst machen? Ich bin ja von kleinauf durch diese schreckliche, privilegierte Gesellschaft indoktriniert und sozialisiert worden und das, obwohl ich nicht mal weiß, was all diese Wörter bedeuten! Ich kann mich doch nur schminken, um Männern zu gefallen und schlafe mit meinem Freund, weil ich weiß, dass er das braucht, um sich mächtiger fühlen zu können. Außerdem bin ich selbstverständlich homophob, devot, ne arme Sau, weil ich ‚weiblich‘ sozialisiert wurde (vermutlich ist diese Idee auf Papas Mist gewachsen, damit er seine eigene Macht im System ausbauen kann – meinen Bruder haben sie dann ‚männlich‘ erzogen, damit irgendwer diese Macht in die nächste Generation tragen kann. Ich kann Papas boshaftes Lachen richtig in meinen Ohren hören, als er beschloss, ein Mädchen aus mir zu machen..), heterosexuell, Akademikerin (alles Zufall! Ich hab immer schön mein Dekolletée präsentiert, weil mir gesagt wurde, dass Mathelehrer darauf stehen! Und das, wo ich als Frau nicht mal weiß, wie Mathelehrer geschrieben wird…), weiß (!!!), misogyn, Antisemitin, islamophob, Atheistin (jeder weiß, dass die kein Recht auf Leben haben, diese unmoralischen, gottlosen Gestalten!), und sonst noch alles Negative, das euch einfällt. Mit dieser Erkenntnis ist man immer auf der sicheren Seite.

In meinem Rassismus-Seminar habe ich gelernt, dass alle Weißen per se schon als Rassisten auf die Welt kommen (es war ein*e Kommiliton*in*e, der/die/das diese Aussage machte – sie wurde aber von der Dozentin nicht kommentiert). Weil sie weiß sind. Das ist schon echt ein dicker Hund! Was hat sich die Natur Gesellschaft bloß dabei gedacht? Einfach so eine heteronormative, weiße Mehrheitsgesellschaft hervorzubringen durch dauerhaft bewusst falsche Erziehung in den letzten Jahrzehnten! Das hätte verhindert werden können. Durch das Benutzen der richtigen Fachtermini wie ‚Geflüchtete‘, ‚Menschen mit Behinderungen‘, ‚Studierende‘, ‚maximalpigmentierte Menschen‘ – wahlweise auch als ‚people of color‘ zu bezeichnen etc. Hätten wir diese Wörter schon viel früher gekannt, wäre uns all dieses Elend heutzutage erspart geblieben. Es ist nämlich so, dass, selbst, wenn ihr sowas sagt wie ‚Unter der Haut sind wir alle gleich‘, das direkt ein Ausdruck von Rassismus ist. So betreibt ihr Gleichmacherei, seid color-blind und kaschiert automatisch die Unterschiede, die es ja tatsächlich gibt und tut so, als würde es keinerlei Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe geben. Ihr spielt es also herunter – vermutlich zu eurem eigenen Vorteil. Irgendwie. Ergibt das Sinn? Meine Dozentin sagte das so, also wird es richtig sein. Demnach war es auch rassistisch, als ich vor ’ner Weile mal sagte, dass wir ja alle aus Afrika stammen und somit Afrikaner sind und so kein Grund gegeben ist, sich deswegen gegenseitig zu diskriminieren.

Da habe ich mich aber wieder mal klug selbst reingelegt! Hab mir selbst versucht vorzugaukeln, ich sei keine Rassistin! Ha! Bin ich aber doch! Was fällt mir eigentlich ein solche verletzenden Äußerungen zu machen? Ich weiß natürlich, was mir einfällt. Es ist diese ewige Fremdsteuerung durch die gesellschaftlichen Normen. Für die ich nichts kann, weil ich nur eine Frau bin und damit ein Opfer ohne jegliche Handlungsfreiheit, obwohl ich eigentlich gleichzeitig an all dem Elend Schuld trage. Weil ich nämlich zugleich weiß bin. Ich bin mir da immer noch nicht so sicher, inwieweit sich diese Kategorien jetzt konkret in die Quere kommen. Ein*e Kommiliton*in in meinem Seminar, der/die/das aus einem eventuell kulturell andersartig geprägten Land kommt (ich bin mir über die aktuellen Fachbegriffe hierfür gerade nicht im Klaren, möchte trotzdem aber niemanden diskriminieren), sagte neulich auch, dass er/sie/es es schlimm findet, wie stark Rassismus in der Gesellschaft verankert ist, sodass dieser nicht mal mehr als solcher wahrgenommen wird. So stellte er/sie/es fest, dass er/sie/es selbst mittlerweile nicht mal mehr auf bestimmte Äußerungen reagiere, wo er/sie/es  das doch aber unbedingt MÜSSE! Was ist das denn für ein Land, indem man sich nicht mal mehr diskriminiert fühlen kann, vor allem, wenn es laut und deutlich und theoretisch absolut unmissverständlich getan wird? Es ist unbedingt notwendig, diese Kultur des Sich-diskriminiert-fühlens wieder mehr in die Gesellschaft zu integrieren!

Ich gestehe, dass mir allerdings aber noch nicht ganz klar ist, was man tun soll, wenn man einen muslimischen Mann trifft, der beispielsweise ja nur seine Religionsfreiheit wahrnimmt und seinen Traditionen folgt und daraus jetzt so etwas wie Blutrache wird. Darf ich jetzt den Mann kritisieren, weil diese muslimisch begründete Tradition Menschenleben gefährdet oder muss ich das so akzeptieren, weil es nun einmal seine Kultur ist und ich ihn aufgrunddessen nicht kritisieren darf, weil, wenn ich es täte, ich automatisch Rassistin wäre (was ich zum Glück ja eh schon bin! Das erleichtert die Sache für mich enorm!)? Und wenn eine muslimische Frau zwangsverheiratet wird, dann darf man das auch nicht kritisieren, weil ich diese Kultur sonst verunglimpfe, die Frau ja sowieso ein Opfer ist und ich diese Menschen dann aufgrund ihrer religiös begründeten Traditionen, die irgendwo auch Teil ihrer Kultur sind, diskriminieren würde, wenn ich es als negativ betrachte? Leider kann ich mir gerade selbst nicht mehr ganz folgen… Eigentlich ist diese Diskriminierung doch genau das, was ich tun soll, damit meine Gegenseite sich endlich mal wieder richtig diskriminiert fühlen kann – alle Beteiligten, außer mir. Ab wann darf ich denn eine Handlung nun kritisieren? Wenn sie von einem Menschen mit Behinderung kommt, nicht. Auch nicht, wenn es sich hierbei um einen man of color handelt. Bei einer woman of color erst recht nicht, weil die hat doppelt verschissen, die arme Wutz. Eine lesbische woman of color mit Behinderung ist bestimmt dann die Person, der man alles durchgehen lassen dürfte, ja? Also, mir gegenüber darf sie sich sowieso so ziemlich alles erlauben – solange sie mich nicht diskriminiert, weil ich eine Frau bin. Versteh ich das alles richtig? Immer schön drauf los diskriminieren. Ich kann diese Leute dann ja nicht einfach hängen lassen, indem ich nicht auf ihre Diskriminierungsversuche eingehe! Das wäre sicherlich unhöflich! Und das will ich nicht auch noch sein zu all dem oben Genannten…

Vor ner Weile sah ich einen Obdachlosen, natürlich einen Mann, weil wir wissen, dass alle Obdachlosen nur Männer sind (was sie auch nicht anders verdient haben!), der einer kleinwüchsigen Frau irgendwelche Sprüche hinterher rief. Ihr seid doch alle bestimmt viel fitter darin, Missstände und Diskriminierungen auf Anhieb fehlerfrei zu erkennen, oder? Mögt ihr mir mal sagen, ob das jetzt okay wäre oder nicht und wenn ja/nein, wieso (nicht)? Leider habe ich verlernt Diskriminierungen zu erkennen und angemessen zu handeln. Das kann man mir jedoch nicht verübeln, nach all den furchtbaren Eigenschaften, die ich alle gleichzeitig in mir vereine. Es geht darum Kategorien zu festigen und den Menschen wieder beizubringen auf persönliche Diskriminierungen und Reduzierungen auf bestimmte Kategorien durch Andere, zu reagieren und dies dann ernst zu nehmen, sowie darauf hin zu weisen, damit diese sich direkt beleidigt fühlen können. Das ist auch der Grund, weswegen solche Seminare wie meins so wichtig sind. Um den Menschen das wieder einmal klar zu machen, die Schuldfrage zu klären und was es bedeutet sich diskriminiert zu fühlen bzw. der Diskriminierende zu sein – ob man es sein will oder nicht. Diskriminierung ist keine Frage des eigenen Willens! Sehr wichtig für den Erfolg dieser Aktion ist es die indirekte Gedankenkontrolle einzuführen und, sollte es doch einmal dazu kommen, dass jemand aus Versehen ‚Behinderter‘ statt ‚Mensch mit Behinderung‘ oder ‚Studenten‘ statt ‚Studierende‘ denkt, obwohl dieser doch eine Gruppe von allen Geschlechtern zusammen meint, demjenigen sofort eine Peitsche zur Selbstkasteiung zu reichen. Es wäre auch sinnvoll diese Peitsche als eine Art Knirps-Version zu verkaufen, mit Teleskopstiel, damit man diese praktischerweise auch immer gleich zur Hand hat, wenn es mal wieder notwendig wird. Vielleicht wird es die sogar im modischen Indiana Jones™-Design geben. Ich bin zuversichtlich, dass wir auf diesem Wege die Diskiminierung…ausmerzen…können…?! Das ist doch das, was wir wollen, oder nicht?

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