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Der folgende Beitrag ist von einer ganz lieben ehemaligen Kommilitonin und Freundin, Angela. Wir haben logischerweise relativ ähnliche Berufsprofile und kämpfen daher mit so ziemlich den gleichen Sorgen und Problemen. Aus dem Grund hat sie beschlossen, sich ihren Frust von der Seele zu schreiben und trifft dabei in vielen Punkten leider auch meine Erfahrungen. Seid lieb zu ihr! Ich finde, sie schreibt großartig! (die sehr passende Titelwahl ist auch von ihr! – Arbeitstitel von ihr war ‚Weil wir es wert sind‘)

Eigentlich habe ich schon ziemlich viel erreicht – ich habe zwei Universitätsabschlüsse, erfolgreiche Praktika und fordernde Nebenjobs, Verantwortung für eine Katze (!) – und trotzdem habe ich bei Bewerbungen oft das Gefühl nicht genug zu sein.

Wie auch, liest man sich die Anzeigen durch, die mit utopischen Vorstellungen Einstiegspositionen für frische Absolventen ausschreiben. Komischerweise beweihräuchern sich die Unternehmen dann gleichzeitig nur dafür, dass sie eine Tischtennisplatte haben. Versteht mich nicht falsch, eine Tischtennisplatte ist ohne Zweifel ein Pluspunkt, aber zeigt auch, wie wenig die Firmen sich bemühen müssen. Schaue ich mir die kompetenten, motivierten Menschen in meinem Umfeld an, sehe ich junge Erwachsene, die sich von Praktikum zu Praktikum hangeln, weil sie trotz Masterabschluss noch lange nicht für einen Entry Level Job qualifiziert sind oder aber fast hoffnungslos auf ihre große Chance warten, weil sie sich die unbezahlten Praktika in deutschen Großstädten gar nicht erst leisten können.

Selbstverständlich haben wir noch keine jahrelange, einschlägige Berufserfahrung, aber wir sind auch bei weitem keine Fachidioten. Wir haben uns mit Lernen die Nächte um die Ohren gehauen, kurzfristig Referate und Hausarbeiten erstellt, umfangreiche Klausuren geschrieben, neue Sprachen gelernt, völlig fremde Themengebiete gemeistert, Teamwork perfektioniert und meistens noch nebenbei gearbeitet. Wir haben nicht nur Fachwissen, sondern auch all die Soft Skills, die immer gesucht und so angepriesen werden. Frisch von der Uni sind wir quasi die absoluten Allrounder – motiviert, offen, top ausgebildet. Alles, was wir für unseren Berufseinstieg brauchen, ist eine Chance.

Also schreiben wir Bewerbung über Bewerbung, kaufen Mappen, teures Papier, entwerfen ein eigenes Layout, um aus der Masse herauszustechen, kopieren, scannen und formatieren. Und dann warten wir. Manchmal bekommt man zumindest eine Eingangbestätigung, oftmals reicht es nicht einmal dafür. Manchmal bekommt man irgendwann eine Rückmeldung, oftmals hört man nie wieder etwas. Im Durchschnitt brauche ich für eine Bewerbung 2,5 Stunden, ein Personaler braucht im Durchschnitt 15 bis 30 Minuten, um meine Bewerbung zu sichten. Hält man sich vor Augen, dass auf ausgeschriebene Stelle teils 100 Bewerbungen und mehr eingehen, kann man sich die Arbeitslast bei der Auswahl geeigneter Kandidaten vorstellen. Es gibt viel Auswahl und wenig Zeit und so kann man stur eine Liste abhaken und die Bewerber in ja, nein und vielleicht einsortieren. Schön effektiv und schön unpersönlich – schließlich muss man wirtschaftlich denken. Auf dem Arbeitsmarkt sind aber etliche fachlich qualifizierte Absolventen mit frischen Ideen, klugen Köpfen und Tatendrang verfügbar, die aber viel zu oft durch die Ritzen fallen.

Vermutlich hat sie jeder schon mal gesehen (falls nicht, ja, es gibt sie und das nicht zu selten): die Ausschreibungen für Praktika, die bereits einschlägige Praktika voraussetzen oder für Volontariate, die bereits ein Volontariat voraussetzen. Irgendwann findet man sich Augen rollend damit ab und bemüht sich selbst, sich auf diese Stellen zu bewerben, die dann mal mit 200€ für ein Vollzeitpraktikum oder mit Glück 50% von A13 vergütet werden. Dass sicher 60% dieser Stellen eine Promotion als wünschenswert erachten, macht das ganze dann nur noch aberwitzig. Als Berufseinsteiger habe ich noch viel zu lernen, aber ich finde es immer wieder enttäuschend, dass verlangt wird, dass ich mich finanziell unter Wert verkaufe. Denn auch als Praktikant oder Volontär kann und soll ich laut der Annoncen bereits viel Verantwortung tragen. Ein auf zwei Jahre befristetes Volontariat ist übrigens schon ein guter Fang, denn viele Stellen sind gerade für 6 oder 12 Monate befristet, eine unbefristete Anstellung erscheint gar wie eine idealistische Phantasievorstellung.

Sind wir endlich mit unserem Studium fertig, laufen wir aber mit erhobenen Köpfen, stolzen Schultern und akademischen Titeln vom Campus, ein Sektglas in der Hand und strahlende Eltern an unserer Seite. Meist stolpern wir dann nach ein paar hundert Metern über unsere eigenen Vorstellungen und die Realität des Arbeitsmarktes. Vielleicht sollten wir anfangen unsere Jobsuche als zweites Studium sehen und offen zu unseren Sorgen zu stehen. Schließlich ist die Jobsuche eine Zeit, in der wir lernen, wer wir sind und wie wir wachsen wollen, was wir erreicht haben und was wir noch schaffen wollen. Es ist aber auch eine Zeit, in der wir nur in Nebensätzen beschämt erzählen, dass wir schon wieder eine Absage bekommen haben, nun beim Jobcenter gemeldet sind oder einfach nur ungeduldig, frustriert und resigniert sind.

Es gibt diesen elendigen Spruch, dass Studenten wie arbeitslose sind, nur, dass die Eltern stolz sind. Meine Eltern sind ein Glück auch als arbeitslose Akademikerin stolz auf mich. Sie sind diejenigen, die mir immer wieder Mut, aber nie Stress machen und mich, wann immer nötig, daran erinnern wie viel ich wert bin. Wir sollten alle ein bisschen mehr wie meine Eltern sein und eine längere Jobsuche nicht als persönliches Scheitern werten, sondern viel eher als Zeit der Selbsterkenntnis. Vor allem aber sollten wir uns nicht daran bewerten, wie schnell wir einen Job finden.

Während unserer Bewerbungsphase haben wir sicher alle die ein oder andere absurde, frustrierende oder ernüchternde Erfahrung gemacht. Ich musste schon Persönlichkeitstests ausfüllen, bevor meine Bewerbung überhaupt weiter bearbeitet wurde, ein fünfstündiges, inhaltsloses Bewerbungsgespräch im Auto führen, versuchen mich gegen den Vitamin-B-Kandidaten, der im T-Shirt kam, durchzusetzen und die ein oder andere enttäuschende Absage herunterschlucken. So habe ich interessante Geschichten zu erzählen und Erfahrungen gesammelt und einiges über mich selbst und meine Erwartungen an einen Arbeitgeber gelernt. Wenn es soweit ist, möchte ich in einem Job landen, in dem man mich fachlich und menschlich schätzt und fordert, in dem ich eine Chance bekommen, weil nicht nur in die Unternehmenszukunft, sondern auch in meine Zukunft investiert werden soll.

Ich habe keine Musterlösungen parat, um die Probleme der Jobsuche zu bessern oder uns den Berufseinstieg zu erleichtern – was ich mir aber wünsche, ist, dass der Bewerbungsprozess wieder menschlicher wird und wir mehr Verständnis für uns selbst aufbringen und einfordern. Denn wir haben einiges zu bieten, auch wenn die Stellenausschreibungen, schlecht bezahlten Jobs und Absagen uns das oft vergessen lassen. Wir haben zwar noch viel zu lernen, aber wir habe auch so viel beizutragen. Was wir brauchen, ist Selbstbewusstsein und eine große Prise Glück.

PS.: Ich habe einen Master in Anglistik und Kunstgeschichte und bin insgesamt auch ziemlich knorke – also nur, falls mir jemand einen Job anbieten möchte.

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