An Tagen wie heute hasse ich mich mal wieder dafür, dass ich Kultur machen will. Wieso kann ich nicht einfach stumpfe Scheiße machen wollen? Wirtschaftlich effizient sein wollen? Ich hab mittlerweile oft genug gehört, dass ich nicht erwarten kann, dass „andere meine Lebenspläne mitfinanzieren! Selbst schuld, dass du falsch bist. Bilde dich halt weiter! Kann ich doch nix für, wenn du neun Jahre studierst und niemand dich will. Und die, die dich wollen, geben dir einen Hungerlohn. Hast du dir doch selbst so ausgesucht. Ist das mein Problem?“

Wenn du das, was du machen willst, nich entsprechend verkaufen kannst, braucht es auch niemand. Und du bist darauf angewiesen, dass Menschen es brauchen. Damit du von irgendwas leben kannst.

Ich würde sogar ganz ohne Lohn arbeiten und Menschen kulturell bilden. Ihnen helfen, wo ich kann. Damit wir alle eine gute Chance haben, in einer halbwegs zufriedenen, interessierten, etwas weniger menschenverachtenden Welt zu leben. Schade nur, dass ich davon kein Bett oder Essen habe.

Muss ich halt einfach Leute überzeugen, dass das, was ich tue, wichtig ist. Ach du! Das ist ja echt easy. Mehr muss ich nicht tun?! So, wie ich brenne, muss ich doch eigentlich jeden direkt mitreißen, sodass er total Lust hat, am Wochenende ins Museum zu gehen, statt Big Bang Theory auf Prosieben zu gucken. Menschen sind doch so. Man muss sie lediglich von etwas überzeugen und schon kann ich mein Leben leben, wie ich es mir wünsche. Gut, dass ich vor ’ner Weile erst jemanden kennen gelernt habe, der mir ganz stolz erzählt hat, noch nie ein Buch zu Ende gelesen zu haben. Den werde ich definitiv überzeugen.

Okay, das war zynisch. Vielleicht nicht unbedingt ihn. Aber irgendjemanden werde ich schon überzeugen, dass kulturelle Einrichtungen uns nicht mehr für Luft und Liebe arbeiten lassen (müssen).

Lasst uns mal kulturelle Bildung kickstartern! Goethe hätte das sicherlich auch so gemacht! Zwei junge Mädchen bewegen ihre Lippen zum Talent anderer – Bäm! Elf Millionen Follower! Ist es das, was wir brauchen? Was wir wollen? Ist es das, wo es hingeht? Angebot und Nachfrage? Alles andere hat eben Pech gehabt?

Jobcenterfrau: Was machen Sie denn? Oh, Kultur. Naja, das ist ja immer ganz schön und nett.

Es ist wichtig. Überlebenswichtig für eine gesunde Gesellschaft. Aber ja, ich laufe auch barfuß mit Blumenkranz im Haar rum. Was weiß ich schon.

Ich habe die Möglichkeit, in einem Theater zu arbeiten. Vollzeit, für ein Taschengeld. Weil mehr nicht da ist. Dieses Theater wird von Menschen mit und ohne Behinderungen als fest engagierte Schauspieler gestaltet. Und wisst ihr, wovon die leben? Die Menschen mit Behinderungen leben vom Mindestsatz, der ihnen als behinderter Mensch zusteht. Taschengeld. Die restlichen Mitarbeiter arbeiten 15-20 Stunden in Teilzeit. Zumindest laut Vertrag. Um so eine Einrichtung möglich machen zu können, arbeitet niemand auch nur ansatzweise die paar Stunden, die er müsste – weil alle brennen. Dazu kommt, als echtes Theater wahrgenommen zu werden. Nicht als Nischenprodukt von Menschen mit Behinderungen für Menschen mit Behinderungen. Das ist ein Theater, wie jedes andere auch. Genauso gut, genauso schlecht. Da sind Menschen, die tun das, weil ihr Herz es will. Weil es Menschen Freude macht, weil Wissen vermittelt wird, Seele und die Brille, die Welt durch andere Augen sehen zu können.

Mein Herz bricht, weil diese Menschen belächelt werden.

„Selbst schuld. Ist doch nicht mein Problem.“

Und genau das ist das Problem.

 

~  Rage Quit ~

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